Stefan Zsaitsits und Benjamin Nachtigall: Keramiken und Zeichnungen

Galerie Gans, Wien

8. Mai 2019

Stefan Zsaitsits Bilder sind unangenehm und zugleich attraktiv. In feinlinigen Zeichnungen zeigt er uns seine Protagonisten in unbehaglichen Situationen, von denen man sich gar nicht wirklich erklären kann, was sie so unbehaglich macht. Man versteht nicht ganz, was vorgeht, und doch kommt einem alles irgendwie unangenehm bekannt vor. Zsaitsits führt uns vor Augen, was wir nicht so gerne sehen wollen, oft auch nicht sehen können, weil es uns – wie auch seinen Protagonisten – latent den Verstand raubt: abstrakte Ängste, Sorgen, Albträume, ins Unterbewusstsein Verdrängtes. Bei uns selbst schauen wir da nicht so gerne hin. Es sind jene Synapsen in unserem Hinterkopf, die wir lieber durchtrennen würden, die, mit denen man keine Lust hat, sich auseinanderzusetzen, die einen aber doch immer wieder einholen. Aber bei Zsaitsits Figuren trauen wir uns dann doch, hinzuschauen  – mit Sicherheitsabstand ist das sogar richtig interessant! Und da kann man sich immer noch einbilden, dass das ja eigentlich gar nichts mit einem selbst zu tun hat.

Foto: Galerie Gans, Internet

Es sind surreale, unheimliche Bilder, die mehr beim Fühlen als beim Verstehen andocken. Man könnte sie vielleicht als „phantastischen Pessimismus“ deklarieren. In ihren rätselhaft unheilschwangeren, nie ganz entschlüsselbaren Inhalten erinnern sie mich an Franz Sedlacek (tätig v.a. in 1920er und 30er Jahren, bedeutender Maler der Zwischenkriegszeit, *1891 – 1945).

Seit einiger Zeit tauchen immer öfter Häuser in Zsaitsits Repertoire auf. Auch Franz Sedlacek hat übrigens gerne hochgestreckte Häuser mit nur wenigen, kleinen Fenstern gemalt. Unweigerlich fragt man sich, was in ihnen wohl verborgen ist. Das zeigt uns Zsaitsits, und was da zu Tage tritt, zeugt nicht gerade vom Eigenheim als sicherem Hort und Zufluchtsort. Denn auch dort holt einen das innere Unheil zuweilen ein.

Foto: Galerie Gans, Internet

Die keramischen Figuren von Benjamin Nachtigall haben diese Probleme nicht. Das ist aber auch kein Wunder, wenn man statt einem Kopf ein Erdbeere oder Artischocke auf den Schultern sitzen hat. Nachtigall zeigt uns, was wir ebenfalls alle kennen – die Momente, in denen man quasi kopflos durch die Gegend spaziert, selbstvergessen ins Narrenkastl starrt und das Hirn auf Durchzug geschaltet ist. Seine Figuren sind zuweilen auch in Situationen oder bei „Tätigkeiten“ dargestellt, die einen – wenn auch unabsichtlich – besonders leicht in einen solchen Alphazustand versetzen können: ein Tier streicheln, in die Natur gehen, sich der Völlerei hingeben, am Smartphone daddeln.

Nachtigalls Protagonisten sind – nicht zuletzt aufgrund der Technologie, mit der einige von ihnen ausgestattet sind – eindeutig der Jetztzeit zuzuordnen. Werkstoff und Herstellungsverfahren zählen jedoch zu den ältesten der Menschheit. Frech bricht Nachtigall die Sehgewohnheiten und Erwartungen an fein glasierte Keramik und spannt zwischen Material und Inhalt einen weiten Bogen von der Urgeschichte direkt ins Heute. Stellt der Ton, aus dem die modernen Figuren gemacht sind, ihre Sehnsucht nach mehr Verbundenheit mit der Natur dar? Oder ist er eine Rückbindung an unsere archaischen Vorfahren? Sind sie deswegen auch nackt? – weil uns – trotz aller technischen Errungenschaften – im Grunde nicht viel von unseren Urahnen unterscheidet?  Oder liegt es daran, dass Nachtigall jene entspannten Momente darstellt, in denen wir ganz nackt, ohne Maske sind – wo wir plötzlich alle so gleich sind, dass man uns statt unseres individuellen Kopfes auch einfach eine Frucht aufsetzen könnte?

 

 

Möchte man eine Verbindung zwischen den Arbeiten von Stefan Zsaitsits und Benjamin Nachtigall finden, so könnte man sagen, dass sich beide mit dem Verstand befassen, oder eigentlich bessergesagt mit dem, was uns den Verstand raubt. Bei Zsaitsits sind das unsere Ängste und Sorgen. Bei Nachtigall ist es das genaue Gegenteil, die Ablenkung, die den Verstand zuweilen vernebelt und die Auseinandersetzung mit unseren Problemen hintanstellt. So kann man die Arbeiten als zwei Pole betrachten, zwischen denen wohl wir alle unser Leben lang hin und her pendeln: zwischen der Auseinandersetzung mit unseren Ängsten und Problemen am einen Ende des Spektrums und der Ablenkung davon am anderen. Für ein lebbares Leben brauchen wir wohl von beidem etwas.