Marko Lipuš: Kratzungen Blau

Artikel in „Die Brücke“ / Buchrezension
8.—25.10.2018

veröffentlicht in: Die Brücke. Kärntens Kulturzeitschrift, Nr.10/5, 2018/2019, S. 17.

An der Oberfläche kratzen

 

Im Mittelpunkt des neuen Bildbandes von Marko Lipuš, „Kratzungen blau“, stehen erstmals nicht Menschen sondern unbelebte Flächen – Architekturdetails einer ehemaligen Baumwollspinnerei in Leipzig. Obwohl auf ihnen nur tote Materie zu sehen ist, wirken die Bilder zart, verletzlich und ernst – als wären die bewegten Risse oder schnurgeraden Fugen im Beton eine Metapher auf die Verletzlichkeit des Menschen und das Leben selbst. Die Bilder strahlen Melancholie und Sensibilität aus: kühl-blaue Lichtstimmung, der Horizont nicht klar ausmachbar, in nebeliger Unschärfe verschwommen. Scharf ist nur der Bruch im Zentrum, der den Blick in die Tiefe zieht. Zusätzlich zu den fotografierten Rissen und Spuren in den harten Oberflächen, hat Lipuš auch die Oberflächen der Negative verletzt. Nicht zerschnitten und wieder zusammengefügt, wie in seinen vorigen Serien, sondern mehr oder weniger stark zerkratzt, geritzt. Es entsteht ein Spiel mit Oberflächen und Realitäten.

 

Die Kratzspuren, die ja eigentlich die zweidimensionale Bildfläche hinterfragen und ganz konkret ins Dreidimensionale öffnen, betonen zugleich jedoch die Fläche und Zweidimensionalität der Abbildung und brechen den starken räumlichen Tiefensog des de facto flächigen Mediums. Welche Spur ist realer, die fotografisch festgehaltene oder die konkret zugefügte? Am ausgearbeiteten Bild werden letztlich beide zu Abbildungen, die Oberfläche des Fotos selbst bleibt unverletzt, glatt und perfekt.